Gebäude der Wiener Volksoper © Volksoper Wien, Logo VOF
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Mit der Volksoper in Savonlinna

Savonlinna 1

Die Teilnehmer des Gastspiels (Solisten, Chor, Orchester, Ballett) auf der Bühne der Burg von Savonlinna (Foto: Wiener Volksoper)

 

Stefan Tanzer singt im Chor der Volksoper und war auch Mitwirkender bei einigen Konzerten der Volksopernfreunde. Seine Eindrücke vom Gastspiel der Volksoper beim Festival von Savonlinna hat er für die Volksopernfreunde zu Papier gebracht.  __________

 

Man könnte sagen: Es war ein Erfolg. Oder: Es war ein erfolgreiches Gastspiel. Eigentlich war es ein unglaubliches Abenteuer, das von einem Riesenerfolg gekrönt war! „Volksoper feiert Triumph in Finnland“, titelte immerhin auch der „Kurier“. Was ist Savonlinna? Zunächst einmal hauptsächlich Wald und Wasser. Der Saimaa, Finnlands größter See mit einer Gesamtfläche von 4370 Quadratkilometern, prägt die Finnische Seenplatte. Auf einer kleinen Insel, die strategisch günstig liegt, errichteten die Schweden 1475 die Burg Olavinlinna (Olafsburg) zur Verteidigung gegen die nahen Russen. In der Folge entstand – eben hier mitten in der finnischen Landschaft Süd-Savo – auf der größeren Nachbarinsel die Siedlung Savonlinna. Also „Savonsburg“. Ein kleines Dorf aus Holzhäusern. Die Burg hielt diversen Belagerungen stand, nicht zuletzt auch dank eines Widders. So ein Tier lebte das ganze Jahr auf der Festung, um am St. Olafstag verspeist zu werden. Während einer Belagerung zog einst ein heftiges Gewitter auf. Der Himmel war tiefschwarz, Blitze zuckten und Donner krachten. Der Widder bekam es mit der Angst zu tun und sprang wie wild am Verteidigungsgang hin und her. Der Feind sah im Hintergrund das drohend heraufziehende Unwetter und über den Zinnen die Hörner des ungebändigten Tieres, fürchtete, es hier mit dem Teufel zu tun zu haben, und blies eilends die Belagerung ab. Später fiel die Gegend aber dann doch an die Russen. Die Russen bauten die Burg aus, erhöhten auch die verbliebenen drei Türme noch um jeweils ein Geschoß, und ließen die große Bastei errichten. Die Burg, so erfährt man bei der Führung, hat keinen Zugang zu frischem Wasser. Es gibt hier keinen Brunnen. Man war also entweder auf wenig vertrauenswürdiges Wasser aus dem See angewiesen (dafür gab es einen Kanal innerhalb der Mauern) oder mußte sauberes Wasser vom Festland holen, was in Belagerungszeiten recht lebensgefährlich war. Also braute man Bier, wofür das Seewasser von ausreichender Qualität war, Bier war zudem auch länger lagerfähig. Allerdings war dieses Bier damals deutlich schwächer als die heutigen ausgezeichneten finnischen Bierspezialitäten. In den Türmen gab es außerdem nicht nur Wohngemächer, hier war auch eine erste Abart von „Wasserklosetts“ vorhanden: Sogenannte Aborterker erlaubten es einem, die Notdurft aus großer Höhe nahezu direkt in den See zu verrichten. Kein Wunder also, daß die strammen Ritter von damals wenig Lust auf den Genuß des reinen Seewassers verspüren wollten…

Wer hatte nun die Idee, Oper im Hof dieser Burg zu spielen? Aino Ackté, geboren 1876 in Helsinki, war eine international bekannte finnische Sopranistin, die auch international große Erfolge verbuchen hat können. Sie war 1911 Mitbegründerin der Finnischen Nationaloper in Helsinki und hatte Savonlinna mit der imposanten Burg entdeckt. 1912 organisierte sie dort eine Opernserie, an der sie selbst mitwirkte. Erkki Melartinis Oper „Aino“ kam damals zur Aufführung. Bis 1916 gab es weitere Festivals, hauptsächlich mit heute kaum bekannten Opern finnischer Komponisten, dann trat eine kriegsbedingte Pause ein. 1930, da hatte Madame Ackté ihre Karriere offiziell eigentlich längst beendet, sorgte sie für ein „Revival“ und nahm in diesem Rahmen ihren endgültigen Bühnenabschied. Als sie 1944 verstarb, schien es, als wären auch ihre Festspiele gemeinsam mit ihr endgültig ins Jenseits gegangen. Erst 1967 besann man sich eines Wiederbeginns, und da setzt bereits Wiener Beteiligung ein: Peter Klein, Wiener Charaktertenor mit Kölner Wurzeln, betrieb gemeinsam mit finnischen Kollegen und Freuden die Wiederauferstehung dieser Institution. In den 1970ern war dann kein Geringerer als der viel zu früh verstorbene finnische Baß Martti Talvela der künstlerische Leiter. Seit 2013 ist Jorma Silvasti, bekannter finnischer Tenor, Intendant der Festspiele, der eine sehr schöne Karriere in Deutschland und Österreich verzeichnen kann. Sie hat ihn auch für einige Zeit an die Volksoper geführt. Dieser hatte er sich nun erinnert und wollte ein Experiment wagen: Nie in der 103jährigen Geschichte des Festivals hatte es hier Operette gegeben. Dieses Gastspiel, noch dazu als Eröffnungsproduktion der diesjährigen Festspiele, war also ein absolutes Risiko. Und noch dazu ein doppeltes: Die Gegebenheiten in der Burg sind nicht dazu angetan, eine bestehende Bühnenproduktion 1:1 zu übertragen. Hauptdarsteller ist die Burgmauer, davor gibt es eine wenig tiefe Spielfläche, die allerding 35 Meter breit ist. Unsere Volksoperndekorationen der Marelli-Inszenierung kann man dafür so gut wie gar nicht brauchen. Robert Meyer hätte darob auch in den Verhandlungen seinerzeit schon fast das Handtuch geworfen, allein, Silvasti wollte uns unbedingt haben. Und so entstand nun im Juni in Gemeinschaftsarbeit von Robert Meyer und unserer erfahrenen Regieassistentin Karin Schynol, die die Marelli-Produktion ja seit Anbeginn betreut, eine „Savonlinna-Fassung“. Die Probebühne 1 in der Severingasse wurde komplett ausgeräumt, um in der Diagonale annähernd die Savonlinna-Dimensionen zu symbolisieren. An der originalen Personenführung änderte sich wenig, bloß die Auftritte und Abgänge mußten den Gegebenheiten der Burg angepaßt werden. Möbel und Requisiten waren auf ein Minimum gekürzt, dafür glänzte der bekannte „Paris-Hänger“ prominent vor der Burgmauer. Je nach Szene eben bei Tag oder bei Nacht. Mit den entsprechenden Tricks der Beleuchter gelingt das auch hier. Die Beleuchtung war indes überhaupt einer der Hauptdarsteller: Mangels großflächiger Dekos wurde jede Stimmung bloß raffiniert mit entsprechendem Licht charakterisiert, was zum Beispiel dem „Maxim“ im dritten Akt zu Begeisterungsstürmen verhalf. Die angeblich so kühlen Finnen hatten große Freude. Und sie forderten dann auch noch etwas ein, womit in Wien niemand rechnet: Ein Encore von „Lippen schweigen“. Lautes Trampeln und Rufen im Auditorium. Alfred Eschwé war bei der öffentlichen Generalprobe fürbaß erstaunt (man hätte allenfalls mit einem Vilja-Encore gerechnet, das gelegentlich ja auch eingefordert worden ist) und rief einfach im Orchester durch: „Nochmal ab Walzer!“. Es klappte – und fand ab dann bei jeder Aufführung statt. Und bei der Derniere sogar zwei Mal.

Nach der Premiere hatte das Festival unsere gesamte Mannschaft zu einem Empfang  geladen. Jorma Silvasti und sein Geschäftsführer Jan Strandholm zeigten sich in ihren Ansprachen überglücklich, auch die österreichische Botschafterin war extra aus Helsinki angereist und hatte sogar österreichischen Wein für die Feier liefern lassen. Robert Meyer würdigte vor allem die unglaublich herzliche finnische Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, die uns zuteil geworden war. Immerhin hatte es ja etwas von Abenteuerurlaub für uns alle, die wir zehn Monate im Jahr alle Annehmlichkeiten eines modernen Opernhauses in Anspruch nehmen, plötzlich auf einer mittelalterlichen Burg zu spielen, in der es zum Beispiel keine zwei gleich hohen Steinstufen gibt, und man durch lange, holprige Gänge und abenteuerliche Treppenkonstruktionen über die Unterbühne zum Auftritt gelangt. Wir waren mit einem Minimum an Requisiteuren und Ankleidern angereist, Maske und Technik wurde vom Festival gestellt. Man half sich also einfach gegenseitig – und da stand auch jedes Mal Prinzipal Robert Meyer hinter der Szene beim schnellen Umzug für die Chorherren mit hilfreichen Händen bereit. Als Inspizient mit Umbauverpflichtung wirkte übrigens kein Geringerer als Vizedirektor Rainer Schubert mit. Die Solisten, deren es in der „Witwe“ ja reichlich gibt, teilten sich einige wenige Kämmerchen im oberen Stockwerk eines Flügels der Burg links von der Bühne, Michael Havlicek meinte einmal scherzhaft, er müsse beim Anlegen des Fracks aufpassen, nicht irrtümlich in den Ärmel von Kollegen Liebl zu schlüpfen. Für Chor, Ballett und Statisterie standen im kleinen Verteidigungshof hinter dem Bühnentrakt zwei finnische Militärzelte als Garderoben bereit. Was bei dem einen oder anderen spontanen Regenguß hin und wieder ganz amüsant war, dann glänzten die Lackschuhe halt nicht immer perfekt. Dafür hatte man ein paar Schritte weiter den schönsten Pausenraum, den man sich vorstellen kann: Das in der milden Abendsonne glänzende Seeufer. Weil man in dieser Region im Sommer eben auch mit allen Wetterkapriolen rechnen muß, ist der große Burghof mit einer eindrucksvollen Zeltkonstruktion überdacht. Sie hält nicht nur Wind und Regen ab, sondern zugunsten der Lichtregie auch das Tageslicht draußen – so hoch im Norden wird es um diese Jahreszeit nie richtig finster. Und nachdem die Burg ja auf einer Insel liegt, gibt es als einzigen Weg dorthin einen Steg, der zur Seite gefahren wird, wenn eines der großen Frachtschiffe, die hauptsächlich zum Holztransport unterwegs sind, passieren muß. Über diesen Steg pilgern vor und nach der Vorstellung Publikum und Mitwirkende ganz einhellig nebeneinander.

Savonlinna selbst ist im Grunde immer noch ein größeres Dorf. Ein Dorf, das elf Monate im Jahr „schläft“. Da stehen die wenigen Hotels dann leer. Für einen Monat im Jahr ist das Dorf aber Festspielort. A propos – was heißt eigentlich „Dorf“? Das verwaltungstechnische Stadtgebiet umfaßt mit allen Eingemeindungen nämlich 3.598 Quadratkilometer, wovon ein Drittel auf Wasser fällt. Insgesamt leben auf dieser Fläche aber nur gut 36.000 Einwohner. Die eigentliche Kernstadt, im Wesentlichen auf zwei Hauptinseln verteilt, ist immer noch eine bescheidene Kleinstadt, deren Erscheinungsbild sich seit dem Krieg jedoch deutlich gewandelt hat. Die meisten der historischen Holzhäuser sind heute liebevoll gepflegt und beherbergen kleine Läden, Cafés oder Restaurants, eines davon birgt die Administration und den Kartenvertrieb der Festspiele, ein anderes eine Gasthausbrauerei. Die wahre Sehenswürdigkeit Savonlinnas liegt – mit Ausnahme der Burg natürlich – nicht in der Architektur, sondern in der herrlichen, nahezu unberührten Natur rundum. Der Wald reicht bis in die Stadt, und wenn man nur ein paar Schritte tut, stößt man schon auf idyllische und ruhige Buchten.

Kleines Kuriosum am Rande: Natürlich ist die Volksoper vor allem durch ihre Gastspiele in Tokyo einen gewissen gehobenen Standard in der Unterbringung gewöhnt. Insofern klang es in der Vorbereitung sogar sehr vielversprechend, als es hieß, Chor, Orchester und Ballett würden in „Ferienappartments mit Küche direkt am See“ wohnen. Diese „Ferienappartments“ entpuppten sich dann vor Ort als „Summer Hotel Vuorilinna“, und das ist nichts weiter, als ein einfaches Studentenheim mit sehr keuschen Zimmern samt Kochnische, aus denen die Studiosi den Sommer über hinauskomplimentiert werden. Da war die Ernüchterung im ersten Moment deutlich, aber die herrliche, ruhige Lage, umgeben von Wald auf einer Halbinsel, einige Meter vom Ufer entfernt, sowie das überaus freundliche und stets hilfsbereite Personal des benachbarten „Best Western“, in dem unsere Solisten residierten und das auch uns gegenüber für Service und Frühstück zuständig war, erlaubten es einem, sich schnell wohl zu fühlen. Und man lernt auch, daß – einfach in Ermangelung genügend „nobler Hotels“ im Umkreis – nicht nur Mitwirkende hier untergebracht werden, sondern auch Festspielgäste, die viel Geld für ihr Ticket berappen, in solch einfachen Quartieren absteigen. Der guten Stimmung im Team war diese Erfahrung letztendlich sogar womöglich noch zuträglich. Einige Kollegen angelten sogar erfolgreich, und so kam es schon einmal vor, daß auf der idyllischen Insel hinter unserem Hotel frisch gefangene Fische gegrillt wurden. Das hat es auf einer „Dienstreise“ mit der Volksoper bisher wohl noch kaum gegeben. Und einige Leute aus dem Ensemble nutzten nicht zuletzt auch gerne die Chance, dank unseres „Backstage-Passes“ die Hauptprobe von „Boris Godunow“, der ersten Eigenproduktion des Festivals, besuchen zu können, die eines Vormittags in der Burg stattfand. Dabei konnte man zwei internationale Opernlegenden finnischer Herkunft noch einmal live erleben: Den gerade 70 gewordenen Matti Salminen als intensiven Gestalter der Titelrolle und den um ein Jahr älteren Maestro Leif Segerstam, der die massive Klangfülle der hervorragenden Künstler von Chor und Orchester der Festspiele meisterhaft zu verwalten wußte. Es war ein beeindruckendes Erlebnis, gerade dieses Paradebeispiel russischer Opernliteratur eben auf dieser Burg erleben zu dürfen, die bekanntlich einst gegen die Russen gebaut worden und später von ihnen selbst noch erweitert worden war.

Es war in der Tat ein wunderbares Gastspiel, viele Kollegen haben beim Abschied betont, daß sie selten eines so genossen hätten. Wir hatten einen großen Erfolg, sehr schöne Kritiken in den finnischen Zeitungen, und es wäre gar nicht so verwunderlich, sollte man eines Tages wieder eine Abordnung der VOP an den Ufern des Saimaa-Sees vorfinden können. Immerhin hat es sich Intendant Jorma Silvasti nicht nehmen lassen, samt Familie in seinem Privatwagen extra noch zum Flughafen zu kommen, um uns persönlich zu verabschieden. Wir sind als Gäste gekommen und als Freunde gegangen…

Stefan Tanzer

 

Die lustige Witwe (Vorstellungen am 3., 4., 5., 6., 7., 8. Juli 2015)

Dirigent: Alfred Eschwé

Szenische Einrichtung für Savonlinna: Robert Meyer, Spielleitung: Karin Schynol-Korbay, Bühnenbild: Eva-Maria Schwenkel, Kostüme: Dagmar Niefind, Licht: Wolfgang Könnyü, Choreographie: Renato Zanella, Chorleitung: Thomas Böttcher

Baron Mirko Zeta, pontevedrinischer Gesandter in Paris: Kurt Schreibmayer/Andreas Daum
Valencienne, seine Frau: Julia Koci/Martina Dorak
Hanna Glawari: Ursula Pfitzner/Caroline Melzer
Graf Danilo Danilowitsch, Gesandtschaftssekretär: Mathias Hausmann/Marco Di Sapia
Camille de Rosillon: Vincent Schirrmacher/Mehrzad Montazeri
Vicomte Cascada: Michael Havlicek
Raoul de St. Brioche: Oliver Liebl
Bogdanowitsch, pontevedrinischer Konsul: Karl-Michael Ebner
Sylviane, seine Frau: Manuela Leonhartsberger
Kromow, Gesandtschaftsrat: Georg Wacks
Olga, seine Frau: Susanne Litschauer
Pritschitsch, Militärattaché: Franz Suhrada
Praskowia, seine Frau: Sulie Girardi
Njegus, Kanzlist bei der pontevedrinischen Gesandtschaft: Robert Meyer

Tanzsolisten: Una Zubović, Gleb Shilov
Chor und Orchester der Volksoper Wien, Wiener Staatsballett

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