Gebäude der Wiener Volksoper © Volksoper Wien, Logo VOF
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Zur Premiere von “Onkel Präsident” am 11.Oktober

Ferenc Molnár – Billy Wilder – Friedrich Cerha
Friedrich Cerha
© Manu Theobald

Eigentlich habe er keine weitere Oper schreiben wollen. Das Publikum, das zu einem von Christoph Wagner-Trenkwitz moderierten Werkstattgespräch mit Friedrich Cerha im Archiv der Zeitgenossen an der Donau-Universität Krems gekommen war, staunte nicht wenig über diese Aussage des Komponisten. Ist Cerha doch auch als Opernkomponist durchaus erfolgreich, wenngleich er vor „Onkel Präsident“ – uraufgeführt am 1.Juni 2013 vom Staatstheater am Gärtnerplatz in München – nur drei Opern komponiert hat und die letzte Erstaufführung, „Der Riese vom Steinfeld“, auch schon im Juni 2002 über die Bühne der Wiener Staatsoper gegangen ist.

Literarische Basis dieser Musikalischen Farce ist das Theaterstück „Eins, zwei, drei“ (Originaltitel: „Egy, kettö, három“) des ungarischen Schriftstellers, Journalisten und Dramatikers Ferenc Molnár (1878-1952). Molnár schrieb dieses Spiel in einem Akt wohl unter dem Eindruck des Börsen- und Bankenkrachs und der darauf folgenden Wirtschaftskrise im Jahr 1929. Der eher unkritische Amerikanismus dieser Zeit und seine plakativen Schlagworte (Geld regiert die Welt, Zeit ist Geld, …) werden unbarmherzig demaskiert. „Eins, zwei, drei“ gilt als das gesellschaftskritischste Stück des Autors, blieb aber nicht zuletzt deshalb stets im Schatten von beispielsweise „Liliom“ oder „Olympia“. Der Alt-Österreicher (geboren in Galizien aufgewachsen in Wien) Billy Wilder adaptierte und verfilmte 1961 den Soff zu einer vor dem Hintergrund des Ost-West-Konfliktes im geteilten Berlin spielenden Komödie. Im Gegensatz zum Original war der Film durchaus erfolgreich und wurde für einen Oscar und zwei Golden Globes nominiert.

Die Planung für „Onkel Präsident“ reicht in das Jahr 2009 zurück. Josef Ernst Köpplinger, der Regisseur der ersten Volksopernpremiere dieser Saison und damals Intendant des Stadttheater Klagenfurt, konnte Friedrich Cerha für die Komposition einer neuen Oper gewinnen. Nach seinem Wechsel an das Staatstheater am Gärtnerplatz nahm er das Projekt dorthin mit und konnte die Ernst von Siemens Musikstiftung zur finanziellen Unterstützung und die Volksoper als Ko-Produzent gewinnen. Bei der Uraufführung in München war dem Werk ein auch überregionaler Erfolg beschieden. Man darf gespannt sein, wie das Volksopernpublikum reagieren wird.

Die Handlung

Das Libretto verfasste der Komponist gemeinsam mit dem Wiener Wirtschaftsprüfer und Musikenthusiasten Peter Wolf. Mit viel bissiger Ironie transferierten sie Molnárs Kapitalismuskritik ins Heute. Der Präsident, allmächtiger Chef eines Stahlkonzerns, zieht die Fäden, um einen präsentablen Ehemann für die Millionenerbin Melody Moneymaker zu erfinden und verwandelt den Fahrradboten Pepi Powolny in einen Spitzenmanager mit Adelsprädikat. Eingerahmt wird die turbulente Handlung von der Zwiesprache des Präsidenten mit einem bejahrten Komponisten (Cerha ?) über Sinn und Unsinn der Oper.

Die Musik

Friedrich Cerha nennt das pausenlose Opus bestehend aus Vorspiel, einem Akt und Epilog eine Musikalische Farce, „wird doch die Gattung komische Oper von den Komponisten schon seit geraumer Weile vernachlässigt“ (Zitat: Friedrich Cerha). Getreu diesem Motto vermeidet der Komponist elektronische Verfremdungen der Instrumente oder grelle, abrupte musikalische Brüche. Trotz aller mehr oder weniger verfremdeter Zitate von Verdi über Wagner bis zur amerikanischen Hymne ist die Partitur kein musikalisches Konglomerat. Vielmehr bildet das Werk ein musikalisches Ganzes, in dem – wenn überhaupt – die Stilistik des frühen 20.Jahrhunderts anklingt. Das impliziert auch die weitgehende Sängerfreundlichkeit der Gesangspartien.

Der Komponist

Friedrich Cerha, geboren am 17.Februar 1926 in Wien, ist einer der wesentlichsten lebenden österreichischen Komponisten. Seine Ausbildung erhielt er ab 1946 an der damaligen Wiener Musikakademie (Violine, Komposition, Musikerziehung) und der Universität Wien (Musikwissenschaften, Germanistik, Philosophie) und promovierte 1950 zum Dr.phil. Parallel zu seiner musikalischen Tätigkeit tritt er in engen Kontakt mit Malern und Dichtern, die später den legendären „Art-Club“ bilden. 1958 gründet er gemeinsam mit Kurt Schwertsik das Ensemble „die reihe“ zur Schaffung eines permanenten Forums für neue Musik in Wien. Sowohl in theoretischen Schriften wie auch als Musiker leistet er Pionierarbeit bei der Präsentation neuer Werke aber auch der Musik der Klassischen Moderne. Seine Affinität zur Zweiten Wiener Schule und vor allem zu Alban Berg findet den Höhepunkt in der Instrumentierung und Fertigstellung des 3.Aktes der Oper „Lulu“ (Uraufführung unter Pierre Boulez in Paris 1979). Bis 1988 war Cerha Professor für „Komposition, Notation und Interpretation neuer Musik“; zu seinen Schülern zählen unter anderem Georg Friedrich Haas und Karlheinz Essl. In seinem eigenen musikalischen Schaffen – als Dirigent setzte und setzt er sich immer wieder für die Werke von Kollegen ein und leitete auch zahlreiche Uraufführungen – setzt sich Friedrich Cerha mit unterschiedlichen Stilrichtungen auseinander, ohne dass man ihn einer bestimmten „Schule“ zuordnen kann. Er erarbeitete sich unterschiedliche Kompositionsmethoden und –stile, verknüpfte sie nach eigenen Vorstellungen und ließ sie so in sein Schaffen einfließen.

Sein umfangreiches Oeuvre reicht von Kammermusik über Solokonzerte und Werke für Orchester bis zu Kantaten und Oper. Zu seinen bekanntesten Schaffenswerken zählen unter anderem „Spiegel I-VII“, „Baal Gesänge“, „Keintaten“, „Konzert für Sopransaxophon und Orchester“, „Konzert für Schlagzeug und Orchester“, „Paraphrasen über den Anfang der 9.Symphonie von Beethoven“, „Tagebuch für Orchester“, die Opern „Baal“ und „Der Riese vom Steinfeld“ und die schon erwähnte Fertigstellung der Oper „Lulu“ von Alban Berg.

Friedrich Cerha ist Träger zahlreicher Auszeichnungen, darunter der „Große Österreichische Staatspreis für Musik“ (1986), das „Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst“ (2005) und der „Goldene Löwe“ der Musik-Biennale Venedig (2006). Er ist Ehrenmitglied des Wiener Konzerthauses und der Gesellschaft der Musikfreunde. 2012 wurde ihm der Ernst von Siemens Musikpreis, sehr salopp auch als „Nobelpreis der Musik“ bezeichnet, verliehen.


Die Premiere (Österreichische Erstaufführung) findet am 11.Oktober statt; weitere Vorstellungen sind am 14., 16., 20. und 27. Oktober.

In der Reihe „Heute im Foyer“ ist Friedrich Cerha am 8.Oktober Gesprächsgast bei Christoph Wagner-Trenkwitz

 

 

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